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Stuttgart versteht nicht nur Bahnhof

Auch durch den Einsatz von Walter Sittler und Regisseur Volker Lösch gewann der gegenwärtige Protest sowohl an Kreativität als auch an Inhaltlichkeit. Wer meint, diese Bewegung sei einfach nur auf Ablehnung aus, ist aufgerufen sich ein bisschen genauer mit den Motiven des Aktionsbündnisses auseinander zu setzten. Hier wird nicht nur Bahnhof verstanden, wie das von manchen Aussenstehenden empfunden wird. Hier gehts um unsere Stadt, um Machenschaften in Entscheiderkreisen, um generelle politische Gangarten, die dazu führten, dass mehr und mehr Menschen im Land der Politik überdrüssig wurden und werden. Stuttgart 21 ist für viele ein Symbol eines Zeitgeistes, der drauf und dran ist sich zu verwirken. Die Art und Weise wie Bahn, Stadt und Land hier zu Werke gehen ist in dieser Form für viele nicht mehr hinnehmbar. Das ist einer der Gründe, warum der Protest schon längst durch alle Gesellschafts- und Altersschichten geht.

Was wir in Stuttgart gerade erleben verändert diese Stadt, unabhängig davon, wie die Geschichte des Bahnhofs enden wird. Das bietet Chancen, und diese sollten wir zu nutzen lernen. Das gilt sowohl für jene, die sich für S21 aussprechen, als auch für die Fürsprecher des Kopfbahnhofes. Unterm Strich gehört die Stadt uns allen, egal wo und wie man steht. Es wird spannend zu sehen, was wir daraus machen werden und wie sich die Politik anhand der Geschehnisse auf die Zukunft Stuttgarts einstellen wird. Konnten die Rathausler bisher tun und lassen, was sie wollten, zieht nun ein neuer Geist auf. Einer, aus dem heraus wir das Treiben der Macher von nun an genauestens beobachten werden, mit der absolut legitimen Forderung auf den Willen und Unwillen der Bürger einzugehen. Die Parteien stehen in der Verpflichtung, den Wünschen der Bürger nachzukommen – nicht andersherum. Demokratie will gelebt und gelernt sein. Stuttgart ist auf dem Weg dazu.

Der erste Streich!

Gestern also gabs den Schwabenstreich auf dem Stuttgarter Marktplatz, oder besser gesagt: Den Auftakt zu dem nun täglich um 19 Uhr stattfindenden Schwabenstreich über das Stadtgebiet verteilt.

Tausende Menschen versammelten sich um 18:45 Uhr um Regisseur Volker Lösch und Walter Sittler zu lauschen. Ersterer verlas den dazugehörigen Text und erklärte, was es mit all dem auf sich hat. Danach spielten sich Lösch und Sittler die Bälle zu und ermunterten die Menge auf dem Platz, sich von nun an jeden Tag um dieselbe Zeit für eine Minute lautstark für das gemeinsame Ziel Gehör zu verschaffen. Der vom Regisseur gegründete Bürgerchor kam auch wieder zum Einsatz, diesmal allerdings in gänzlich anderer Form. Die 150 Laien des Sprechchors waren in 10er-Gruppen über den Marktplatz verteilt und veranschaulichten den praktischen Umgang dieses Schwabenstreichs. Lösch rief nacheinander die verschiedenen Gruppen auf, sich auf Kommando lautstark hörbar zu machen. Währenddessen verharrte der Rest der anwesenden Leute in Stille, was sogar wunderbar funktionierte. Man bemerkte, dass der Mann vom Schauspielhaus mit großer Erfahrung mit Laien umzugehen vermag. Mich beeindruckte und entzückte das sehr. Zudem rief er alle Leute mit Trillerpfeifen auf, sich auf Zuruf für ein paar Sekunden pfeifend zu melden. Gleiches Prozedere dann mit Vuvuzelas, Kochtöpfen, Rasseln und Blechbläsern.

Hier der erste Teil auf Video. (Zweiter Teil siehe unten):

So schritt die Zeit voran und näherte sich der Premiere. Sittler und Lösch forderten absolute Stille und begannen damit, von 10 auf 0 runter zu zählen. Bei 0 schlug es 19 Uhr, und die Menge begann für 60 Sekunden einen wahrhaft ohrenbetäubenden Lärm zu produzieren. (Man mag kaum glauben, wie lange eine Minute sein kann). Per Handzeichen von der Bühne endete der Spuk schlagartig. Es wurde kurz ruhig und ging dann über in Beifall.
Die Stimmung war sehr ausgelassen, auch die zahlreichen Polizisten schienen sich zu amüsieren. Ein für mich eindrucksvoller Beweis für aussergewöhnliche und kreative Formen des Protests.
Nun darf man gespannt sein, ob das Vorhaben aufgeht. Von heute an werden sich zahlreiche Stuttgarter Bürger täglich um Punkt 19 Uhr akkustisch melden: Egal wo sie sind, stehen, liegen oder sitzen. Alleine von daheim aus bei geöffnetem Fenster, in kleinen Gruppen irgendwo in der Stadt oder sonst wie. Ich bin gespannt, welche Wirkung das entfachen kann und womöglich auch wird.
Und so sehr ich die Zeit der Vuvuzelas zum Teufel wünschte, so sehr mache ich mich nun auf die Suche nach einer solchen und werde, sollte ich um 19 Uhr zuhause sein, das Fenster öffnen und für eine Minute lang den Elefanten machen. Sollte ich mich an einem anderen Ort aufhalten werde ich mir was einfallen lassen.

Der zweite Teil:

Herzlichen Dank an 8mobili fürs permanente Filmen sämtlicher Aktionen. Chapeau!

Update zum Schwabenstreich

Gestern erreichte uns noch folgende Nachricht:

Stuttgart, 26.Juli 2010

Liebe Gegner von Stuttgart 21

Aufgrund der Ankündigung in der Urlaubszeit mit dem Teilabriss des Bonatz-Baus zu beginnen, möchten wir – Walter Sittler und Volker Lösch –
einen SCHWABENSTREICH initiieren, der sich täglich zur gleichen Uhrzeit wiederholen soll, um Kräfte zu bündeln, eine höhere Präsenz zu erreichen,
die Identität der Protestierenden zu stärken, und um den Widerstand gegen Stuttgart 21 für die gesamte Öffentlichkeit hörbar und sichtbar zu machen.

Der Ausdruck Schwabenstreich bezeichnet “eine wagemutige Handlung,
die gewisse intellektuelle Fähigkeiten voraussetzt, und in der Regel
einen vorteilhaften Ausgang für den Handelnden hat.”

Nach dem Vorbild der argentinischen Bevölkerung, die 2002 mit leeren Töpfen, Pfannen, Löffeln, Deckeln und weiterem Lärm verursachenden Geschirr auf die Straße ging, um gegen die Regierung zu protestieren,
nach dem Vorbild der iranischen Regimegegner, die täglich auf den Dächeren Teherans ein bestimmtes Lied sangen, möchten wir unseren Protest ab Freitag den 30.7. jeden Abend um 19 Uhr – 120 Sekunden lang – in der ganzen Stadt hör und sichtbar machen.

Für diese Aktion braucht es keine Vorbereitung, keine Anmeldung, kein Treffen und keinen spezifischen Ort, man kann sie überall in der Stadt draußen durchführen, jeder kann mitmachen, und jeder kann seine Widerstandsform selber wählen.

Möglich ist das Hupen mit dem Auto, das Tröten einer Vuvuzela, das Benutzen von Trillerpfeifen, das Schlagen gegen Kochtöpfe, das Beschallen mit lauter Musik, das Läuten von Kirchenglocken, Schreien, Singen, chorisches Skandieren und vieles mehr. Man kann sich per SMS ztusammenfinden, Flashmobs durchführen usw.

Startpunkt ist immer 19 Uhr, wenn im Radio die Nachrichten beginnen. Die Aktion kann täglich mehr Mitmacher finden, sie sollte draußen durchgeführt werden, und den fragenden Umstehenden danach erklärt werden.

Wir laden alle Gegner von Stuttgart 21 ein, sich am Mittwoch, den 30.7. um 18:45h am Stuttgarter Rathaus zu versammeln, wo Walter Sittler und Volker Lösch den geplanten ERSTEN SCHWABENSTREICH öffentlich vorstellen werden, und um ihn dann zum ersten Mal gemeinsam durchzuführen.

Bringt alle möglichen Gegenstände mit, die Krach machen. Die erste “Lärmperformance” muss Eindruck hinterlassen – und soll Lust auf mehr machen !

Das kurze Treffen wird nicht länger als 19:15 Uhr dauern.

Ab Freitag – damit am Donnerstag das Vorhaben in ausreichendem Maße angekündigt werden kann – soll der SCHWABENSTREICH dann täglich stattfinden – in der ganzen Stadt, an allen möglichen Orten, von so vielen wie möglich getragen.

Bitte weitersagen, weitermailen, herumsprechen ! Die Aktion wird nur dann erfolgreich sein, wenn sehr viele mitmachen !

Hinweis an den Bürgerchor :

Der Bürgerchor trifft sich bereits um 18 Uhr an der Jubiläumssäule auf dem Stuttgarter Schloßplatz. Wir verabreden dort unsere “Lärmaktion” – (Einteilen der Gruppen, kurzes Anproben) und gehen dann gemeinsam zum Rathausplatz.

Herzliche Grüße von
Walter Sittler und Volker Lösch

Das ganze gibts als pdf hier

Weiterhin wird es heute Abend eine zusätzliche Aktion am Nordeingang des Hauptbahnhofes geben, wie bei Abriss Aufstand schreibt.

Unter dem Motto Literaten gegen den Bahnhofsabriss läuten Stuttgarter Autoren am Mittwoch, den 28. Juli 2010 ab 20:30 Uhr den neuen Kulturmittwoch am Nordflügel des Hauptbahnhofs ein. Elisabeth Kabatek, Stefanie Wider-Groth und Heinrich Steinfest lesen aus eigenen Werken. Der bekannte Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler unterstützt sie mit Kästner-Texten.

Wir empfehlen unbedingt mitzumachen und hinzugehen! Denn während die Schmierfinken der Stuttgarter Nachrichten heute schon wieder ungestraft versuchen dürfen dem Stuttgarter Polizeipräsidenten ein Statement zu entlocken, daß den Widerstand gegen Stuttgart 21 in die Ecke linksradikaler Terroristen stellt, ist es eine gute Gelegenheit zu beweisen, daß eben eben doch nur friedlich, bunt und kreativ zur Sache geht.

Schwabenstreich!

Der bekannte Regisseur Volker Lösch (Schauspielhaus Stuttgart) gab gestern auf der Montagsdemo bekannt, dass es am morgigen Mittwoch um 18:45 Uhr auf dem Stuttgarter Marktplatz zu einem “Schwabenstreich kommen werde, wie ihn Stuttgart noch nie erlebt hat.”Auch der Schauspieler Walter Sittler soll involviert sein.

Was genau passieren wird wissen wir nicht. Volker Lösch ist unter anderem dafür bekannt, spektakuläre Aktionen mit Laien aufzuführen. *Aktualisierung* Es wird darum gebeten Dinge mitzubringen, die Krach machen können.

schwabenstreich