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Es überschlägt sich ein bißchen
Gestern Abend also die “Erstürmung” des Bauzaunes vor dem Nordflügel. Während auf der Bühne noch die letzten Worte des offiziellen Programms gesprochen wurden, machten sich ein paar Leute daran, ein Loch in den Zaun zu schneiden oder fräsen. Daraufhin fühlten sich mehrere hundert Protestler dazu eingeladen, sich den bunt geschmückten Kulturwall einmal von hinten anzusehen. Kurz danach marschierten Polizisten in den Käfig. So standen und saßen sie da, Demonstranten und Uniformierte. Die Lage war und blieb friedlich, ruhig allerdings nicht: Musiker, ausgestattet mit Akkordeon, Trompeten, Trommeln usw. spielten den Soundtrack zur zweiten Besetzung im Rahmen des geplanten Projektes der Tieferlegung des Hauptbahnhofes. Wände und Boden wurden mit Kreide bemalt und beschrieben, Slogans skandiert. Die Stimmung war, meinem Empfinden nach, sehr gut und niemals aggressiv oder gar bedrohlich.
Ich selbst stand ausserhalb, betrachte den Trubel mit gemischten Gefühlen. Einerseits fühlte ich eine moralische Berechtigung und Freude darüber, dass sich Bürger auf kreative Art und Weise für kurze Zeit nehmen, was ihnen ja eigentlich sowieso gehört. Auf der anderen Seite aber wurde mir auch klar, dass wir hier gegen geltendes Recht verstiessen. Es war toll zu sehen, dass die PolizistInnen recht gelassen und teilweise auch schmunzelnd zur Kenntnis nahmen, was geschah. (Beendet wurde die Aktion übrigens mit einer Polonaise im Takt der Musik.) Tatsache ist aber eben auch, dass hier juristisch gesehen vermutlich ein Strafbestand vorlag, der formal die Grenzen des zivilen Ungehorsams übertrat. Die Deutsche Bahn ist sicherlich hocherfreut angesichts des Verhaltens der Polizei. Hrhr.
Heute, 24 Stunden später, geistert ein Gerücht von einer der obersten Stellen der Organisation der Proteste durch die Gegend. Die gestrige Aktion könne zukünftige Veranstaltungen am Nordflügel sehr schwer machen, vielleicht sogar unmöglich, heisst es da. Grundlage dazu seien Äusserungen und Erwägungen des Ordnungsamtes, Konsequenzen aus der Aktion zu ziehen. (Ich kann mir allerdings nur schwerlich vorstellen, dass die Demos nicht mehr gestattet werden. So naiv wird man an amtlicher Stelle nicht sein.)
Dem aber nicht genug. Auch Stefan Keilbach, Sprecher der Stuttgarter Polizei, äusserte sich zu den Vorkommnissen: Mehr Personal müsse her, weniger Zurückhaltung, eine neue Form der Aufsicht, mit allen rechtlichen Möglichkeiten konsequent vorzugehen. So Herr Keilbach, dem ich vor ein paar Wochen das Kompliment aussprach, dass die Stuttgarter Polizei seit den Anfängen der Demos im November einen hervorragenden Job mache. (Hierbei muss ich erwähnen, dass ich mich mit Autoritäten generell sehr schwer tue.)
Hier eine Sendung von Regio TV, mit den Aussagen des Polizeisprechers.
Zu diesem Kompliment stehe ich noch immer, befürchte aber, dass der letzte Montag Veränderungen der zukünftigen Situation mit sich gebracht hat. Zu heiss sollte man dies nicht kochen, auf die leichte Schulter aber gehört es genauso wenig. Jene Besonnenheit des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 auf organisatorischer Seite, als auch das Verhalten von uns Protestlern, gehört bedacht und beibehalten. Die große Stärke dieses Protests liegt in der Friedlichkeit und Kreativität in der Summe all seiner unterschiedlichen Teilnehmer. Diese kommen aus sämtlichen Gesellschaftsschichten und mittlerweile auch Altersklassen. Es erstaunt mich sehr, wie gut das zusammengeht. Und ich bleibe dabei zu denken, dass der Bahnhof als solcher für viele nun zu einem Symbol für etwas größeres wurde. Es geht um ein Demokratieverständnis und um einen sich verändernden Zeitgeist. Ich mag mich täuschen, dennoch bleibt dies für mich jener größere Kontext, der mich dazu brachte an diesem Protest teilzunehmen und mich zu engagieren.
Morgen abend!
Die Studentin Leonie Weber eröffnet morgen, Mittwoch, ihre Vernissage samt anhängender Diskussion mit dem Titel “die Kultur der Wagenhallen und Waggons am Nordbahnhof”. Die Ausstellung geht vom 14. bis zum 19 Juli und ist täglich von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Das ganze findet sich im Uni-Foyer des K1 in der Keplerstrasse 11. Sehr empfehlenswert!

Aktion Kultur im Park
Soeben erreichte uns folgende Nachricht, die wir selbstverständlich sofort weitergeben möchten:
Die Parkschützer starten am Pfingstsamstag die Veranstaltungsreihe „Kultur im Park“. Dabei präsentieren die Befürworter des Projekts „Kopfbahnhof 21“ in loser Reihenfolge Veranstaltungen, Kurse und Ausstellungen aus den unterschiedlichsten Bereichen des kulturellen Lebens in Stuttgart. Den Auftakt bildet eine Yoga-Stunde. Alle Veranstaltungen finden im mittleren Schlossgarten statt.
Yoga im Park für den Park
Samstag, 22. Mai, 14 –15 Uhr
Treffpunkt: Bei trockenem Wetter an den Wasserspielen beim LandespavillonEs werden von mehreren Yogalehrerinnen und Yogalehrern Asanas (Yoga-Übungen) unterrichtet, die dehnen, anregen, kräftigen und entspannen. Das Üben findet im Zeichen von Ahimsa (Gewaltlosigkeit) statt.
Vorkenntnisse sind keine nötig. Bitte eine Yoga-Matte oder eine ähnliche Unterlage mitbringen.
Spenden gehen an die Parkschützer.
Für Rückfragen: julianebacher@gmx.net

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Was die Leute sagen