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“Ich verwarne Ihnen”
Für manche Zeitgenossen besteht keinerlei Verbindung zwischen Kultur bzw. Politik und Fußball. Darüber, wie in unserer Stadt Kultur und Fußball zusammenhängen und manchmal sogar deckungsgleich sind, schreibt und erzählt Joe Bauer auf einzigartige Weise. Über die Verbindung vom runden Leder und der Politik wiederum hat man sich vor Jahren im Rathaus Gedanken gemacht und die „gelbe Karte“ eingeführt. Diese liegt im Foyer des Rathauses aus und kann vom Bürger ausgefüllt werden, wenn er was zu meckern hat. „Ihre Meinung ist uns wichtig!“ wird in der Kopfzeile des Kartentexts behauptet. Auf die Anrede, im Faksimile des OBs („Liebe Mitbürgerinnen und liebe Mitbürger“) folgt die Selbstbeschreibung, über die ich noch immer staune: „das Stuttgarter Rathaus ist eine bürgeroptimierte Verwaltung, die ihr Leistungsangebot kontinuierlich optimiert.“ Will uns der Satz neben allem anderen sagen, dass in der Verwaltung der Bürger optimiert wird? Mindestens ebenso irritiert mich aber etwas anderes: Die gelbe Karte als solche, als Formular für Bürgerbeschwerden. In Zeiten, als der Fußball noch nicht als Hülle für die Eventkultur herhalten musste, bezeichnete man die gelbe Karte im Fußballjargon häufig als Verwarnung. Der Unparteiische verteilt sie an Spieler nach Regelverstößen. Ist es aber nicht eigentlich der Bürger, der von Amts wegen mit Verwarnungen bedacht wird?
Inzwischen jedoch nimmt unsere Stadtverwaltung den Bürger offenbar umgekehrt wahr: als Schiedsrichter. Seine Funktion und Rolle besteht darin, die Ballkünste der Verwaltung zu bewerten oder die Einhaltung des Regelwerks zu kontrollieren. Insofern ist die gelbe Karte verräterisch, sie ist auch Ausdruck einer veränderten Selbstwahrnehmung im Rathaus: Die eigentlichen Akteure sind die Politikrastellis. Sie beackern das Feld und verdribbeln sich ab und an ins Nirwana. In der Konsequenz würde das bedeuten, der Bürger sei für das Rathaus da, nicht umgekehrt. Zumindest habe ich noch von keiner Sportart gehört, in der das Spiel für den Schiedsrichter stattfindet.

Doch ziehen wir uns Schuh und Dress für einen Moment an und spielen (gemäß dem etwas ungelenken Titel dieses Artikels, einem an den Kicker Willi „Ente“ Lippens gerichteten Schiedsrichterausspruch), schwarze Sau. Ein guter Schiedsrichter, so wird immer wieder gesagt, agiere unauffällig, als einer, der „das Spiel laufen lässt“, nicht kleinlich jede Regelübertretung ahndet und dadurch fortwährend den Spielfluss unterbricht. Insofern ist man im Rathaus, etwa hinsichtlich der geplanten Tieferlegung des Bahnhofs, natürlich nicht zufrieden mit uns Optimierungsverweigerern (und verkennt dabei, dass man dort unterdessen die Sportart gewechselt hat und beim Kickboxen oder Ähnlichem gelandet ist. Geschenkt). Also werden wir, mit großzügiger Unterstützung der unparteiischen Presse, diffamiert und in eine Krawallmacherecke gestellt. Der Journalist Gérard Ernault schrieb in einem Editorial des französischen Magazins France Football einmal sinngemäß: Dauerhafte Kritik an Schiedsrichtern, besonders, wenn sie von Trainern und Akteuren geäußert wird, sei immer die einfachste Lösung und ein prima Ablenkungsmanöver von deren eigenen Unzulänglichkeiten und Versäumnissen sowie mangelnder Qualität des eigenen Spiels. Und wörtlich: „Die Schiedsrichterei misst nur die Temperatur des Fußballs. Sie ist Folge, und nicht Ursache eines Zustands. Das Fieberthermometer kaputtzuschlagen senkt nicht das Fieber, wie meine Großmutter zu sagen pflegte.“
Noch eine letzte Bemerkung zur gelben Karte: Im Rathaus hat man großzügig unterschlagen, dass die gelbe Karte erst nach der roten ins Regelwerk des Fußballs aufgenommen wurde. Wofür aber soll eine Verwarnung gut sein, wenn sie bei künftigen Regelverstößen keine weitergehenden Konsequenzen nach sich ziehen kann? Die einzige Möglichkeit, Platzverweise im Rathaus zu verteilen, hätte der Bürger folglich nach Ablauf einer Wahlperiode. Das wäre etwa so, als könne man einen Spieler erst nach dem Schlusspfiff des Feldes verweisen.
Im März diesen Jahres wurde dann endlich die rote Karte eingeführt, allerdings nicht von der Verwaltung, sondern vom Kabarettisten und Koordinator der Initiative Die AnStifter, Peter Grohmann. Als erstes gezeigt wurde sie der SPD-Gemeinderatsfraktion anlässlich ihres Neujahrsempfangs im Rathaus von den Teilnehmern der Montagsdemonstration, und das tausendfach. Die Blicke der Politiker, die sich an jenem denkwürdigen Abend noch auf den Balkon wagten, glichen auf verblüffende Weise denen von Kickern nach Platzverweisen. Geheucheltes Unwissen, gepaart mit ironischem Grinsen: „Der spinnt, der Schiri, ich hab’ doch gar nichts verbrochen.“ Gern geschehen, die nächste Wahl kommt bestimmt. Bereits heute aber meine bescheidene Bitte: Kippt die gelben Kartons ins Altpapier, und besser noch: Gebt uns das Spiel zurück! Einstweilen halte ich es mit „Ente“ Lippens’ Reaktion auf besagten Schiedsrichterausspruch: „Ich danke Sie“!

Joe Bauer und der Nordbahnhof
Das Stuttgarter Urgestein Joe Bauer beschäftigt sich in seiner neuesten Kolumne für die Stuttgarter Nachrichten mit der Nordbahnhofgegend und stellt die Frage, warum man dieses großartige Quartier Vermutungen überlässt.
Hier gehts direkt zur Kolumne.


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Was die Leute sagen