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Worüber sollen wir reden?

Grundsätzlich ist es gut, miteinander zu reden. Daher ist es auch wichtig, jetzt konstruktive Vorschläge für mögliche realistische Gesprächsszenarien aufzuzeigen. Mein Dank daher auch an Putte für seinen hier veröffentlichten Vorschlag. Es ist meines Erachtens aber nötig, noch einmal einen Schritt zurück zu gehen und kurz die Absurdität des Grubschen Vorschlags aufzuzeigen.

Herr Grube möchte angesichts des großen Widerstands reden. Kommunikativ sei da einiges schief gelaufen, sagt er. Genau dasselbe hat er auch schon an einem Freitag im Januar vor seinem Besuch im LBBW-Forum vor versammelter Zehntausendschaft gesagt. Passiert ist danach bis auf eine teure wie alberne neue Werbekampagne nichts. Er und alle Projektverantwortlichen haben sich weggeduckt. Und natürlich die ein oder andere Provokation, wie jetzt im Moment zum Beispiel, vom Stapel gelassen.

Provokation

Herr Grube möchte einen runden Tisch einrichten, auf dem die Wahrheit gesagt, Fakten offengelegt und keine Informationen zurückgehalten werden. Mit Verlaub: In der Bevölkerung ist angesichts der Veröffentlichungen der Medien in den vergangenen Wochen der Eindruck entstanden, dass es eigentlich nur bei der Bahn ein Defizit an Wahrheit, offengelegten Fakten und nicht zurückgehaltetenen Informationen gibt. Daher ist Herr Grube am Zug, diesen Versäumnissen nachzukommen. Ob er die gesamten Aktenordner zum Projekt Stuttgart 21 – und vor allem diejenigen, die er bisher verheimlicht hat – auf einen runden oder eckigen Tisch legt, ist eigentlich völlig egal. Nur braucht er dafür keine Gesprächspartner.

Herr Grube möchte mit den Gegnern reden. Dazu fallen ihm aber zunächst mal nur Politiker ein. Ihm ist wohl entgangen, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Gegner gerade deshalb mit dem Projekt so unzufrieden ist, weil es sich von “denen da oben” übergangen fühlt. Daher wäre es eher kontraproduktiv nur auf schwarze und grüne Politiker zu setzen. Es sei denn, es geht Herrn Grube überhaupt nicht um einen konstruktiven Dialog, der die Lage entspannt, sondern lediglich um einen strategischen Schachzug. Im Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen könnten so die grünen Überflieger entweder für eine schwarz-grüne Koalition “fit” gemacht oder nach Möglichkeit durch eine Beteiligung am Projekt in Diskredit gebracht werden. Vertrauen wird Herr Grube durch ein solches Gespräch jedoch nicht schaffen.

Herr Grube möchte die Erregung mildern. Das gelingt weder mit der gewünschten Konstellation, noch mit dem die demonstriernde Bevölkerung desavouierenden Hinweis, man müsse sich nun endlich verhalten wie erwachsene Leute, noch mit der Ablehnung eines Baustopps während der Gespräche.

Der Sinn eines Gesprächs unter diesen Voraussetzungen tendiert gegen null. Um die Lage nachhaltig zu befrieden gibt es nur einen einzigen Weg: Die Projektpartner müssen sich zusammensetzen und vereinbaren, dass man den Fortgang des Projekts von einem selbst initiierten Bürgerentscheid abhängig macht. Dann können runde Tische eingerichtet und Arumente ausgetauscht, Vertrauen geschaffen und Erregung gemildert werden. Und sollte sich dann eine Mehrheit der Bevölkerung für Stuttgart 21 aussprechen, müssten das die Gegner ebenso klaglos akzeptieren wie umgekehrt.

Wessen Herren Knechte seid Ihr?

Am vergangenen Dienstag war es also endlich soweit: Das ZDF erzielte ab 21 Uhr 80 % Einschaltquote – in Stuttgart. Zu sehen war das seit dem Flug des Rammbocks heiß ersehnte Stück “Milliardenloch im Schwabenland” bei Frontal 21.

Journalistisch war dieses Reportägle ähnlich defizitiär wie Kalkulation und Legitimation des behandelten “Superbahnhofs”. Die Gegner durften ausgiebig und unhinterfragt ihre Ansichten kundtun, die Verantwortlichen wurden mit einem Bericht des Bundesrechnungshofes konfrontiert – und durften dabei eine schlechte Figur machen (was allerdings nicht allein an der Recherche liegt…). Die Aussage des Berichts ließ wenig Interpretationsspielraum (was allerdings auch nicht allein an der Recherche liegt…).

Die Antwort der kommunikationsstarken Bahn ließ nicht lange auf sich warten. Gewohnt unsouverän und beleidigt. Und prompt ist das Arsenal der Totschlagphrasen mit denen die Bürger zur Freude über das großzügige Geschenk Stuttgart 21 geprügelt werden sollen um eine Waffe reicher: Nach so trennscharfen Begriffen wie “Fortschritt” und “Zukunft” leistete die STZ Schützenhilfe, griff ganz tief in die Mottenkiste und packte die “Verschwörungstheorie” aus. Jene Wunderwaffe, mit der all jenen, auf die sie gerichtet wird, mehr als nur ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen werden soll. Wem unterstellt wird, seine Argumentationskette sei nichts weiter als eine “Verschwörungstheorie”, dem wird eigentlich nahegelegt, sich umgehend in eine Geistesheilanstalt einliefern zu lassen.

Was war in der Reportage passiert? SÖS-Gemeinderat Gangolf Stocker durfte – im faktisch stärksten Teil des Berichts – das “Netzwerk der Profiteure” vorstellen: den Kommunikationsbeirat für Stuttgart 21. Hier sollen ergraute Ehrenmänner – offenbar allein schon durch ihre Teilnahme, denn inhaltliches ist von dort nicht zu vernehmen – Seriosität und Erfolg des Projekts unterstreichen. Eine Schnittstelle aus Bahn, Wirtschaft und Politik. In diesem Gremium versammeln sich neben Botschafter Drexler und Projektleiter Hany Azer unter anderem auch Ex-Landesvater Öttinger, Ex-Landesvater Späth und Immobilien-Millionär Rudi Häussler. (Vorstellung der Charaktere s.u.)

Verschwörungstheorie!? Die heitere Runde der Experten soll “bereits im Vorfeld alle wichtigen Entscheidungen, Vorgehensweisen und Ausrichtungen zwischen den Projektpartnern und dem Botschafter” abstimmen. Die Zusammensetzung ist mit Bedacht erfolgt, keineswegs ist dieses Vetterlestreffen ein zufällig entstandener Wohltätigkeitsverein.

Zeit, sich an die Fakten zu halten. Das gilt zu allererst für die Bahn, die nachweislich (nur e i n Stichwort von vielen: Streichliste) eine kommunikative Salamitaktik fährt. Für Empörung ist da kein Platz, denn wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Wer Kommunikation mit den Bürgern mit platter Werbephrasendrescherei verwechselt, Fakten zurückhält, ganz verschweigt oder gar verdreht, sollte sich nicht wundern und schon gar nicht darüber aufregen, wenn die andere Seite auch mal auf selektive Darstellung umschaltet. Und bei einem Projekt, bei dem personelle Verflechtungen und Beweggründe im Halbdunkel verschwimmen, ganz gezielt die unterschwellige wie berechtigte Frage in den Raum wirft, die die Bürger schon länger umtreibt: Wessen Herren Knechte seid Ihr eigentlich?

Kommunikationsbeirat, die Darsteller (selektive Wahrnehmung):

Wolfgang Drexler: Von OB Schuster (CDU) in einem genialen Schachzug zum Chefkommunikator überredeter SPD-Mann – wenn’s wo kleben bleibt, dann an den Sozis! Die vermeintliche Friedenstaube ist aber rasant zur armen Sau mutiert, die von ihren orientierungslosen Haltern durchs Dorf getrieben wird. Soll wenn möglich ein Nesenbachtal der Ahnungslosen hinterlassen. Hat nach eigenen Angaben inzwischen einen schlechten Schlaf. Ob da ein Bahnhofsgroßes Lügengebäude auf der Seele lastet?

Günter Öttinger – Nebenrolle: Der ungeliebte Landespapa heftete neulich seinem Vetter Rudi Häussler das Große Bundesverdienstkreuz an und wurde dann nach Brüssel weggelobt.

Rudi Häussler: Immobilien-Mogul, Self-Made Man – vom Büroklammerbieger zum Büroliegenschaftsmillionär. Ist als “größter europäischer Komplettanbieter für Bürogebäude” immer dort, wo Brachflächen zu brach liegenden Büroflächen mutieren sollen. Das Große Bundesverdienstkreuz erhielt er für sein soziales, kulturelles, künstlerisches und wissenschaftliches Engagement – ein echter Held der sozialen Marktwirtschaft.

Rüdiger Grube: Bahnchef und 1999 geschäftsführender Gesellschafter bei Rudi Häussler. Natürlich besteht da keinerlei Zusammenhang. Geschäft ist Geschäft – Schnaps ist Schnaps!

Lothar Späth: Die graue Eminenz. Nach der Segeltörn-Affäre ging der beliebte Landesvater aus dem Amt und folgte dem Lockruf des Geldes. Inzwischen ist er bei den schwäbischen Tiefbohr- und Tunnelbohranlagenspezialisten von Herrenknecht gelandet. Dass er als Aufsichtsratschef dieses Unternehmens ausschließlich das Gemeinwohl im Sinne hat, wird auch durch die 70.000-Euro-Spende von Herrenknecht an seine gute alte Landes-CDU deutlich.

Hany Azer: Der General des Grubes. Nur dem Eid auf den Größten Bahnchef aller Zeiten verpflichtet – auf keinen Fall seinem Gewissen. So richtig in Fahrt kommt der schneidige “Vollstrecker” erst, wenn um ihn herum Millionen Euro ins Grab gehen.