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Heute erneut Großdemonstration

Demo0309

Demoroute verläuft so:


3.9. Großdemo auf einer größeren Karte anzeigen

Chile ist gleich hinterm Stöckach

Eine verrückte Zeit in der noch verrücktere Dinge passieren. Ein Freund ist Chilene, wohnt in Stuttgart. Sein Oberbürgermeister verweilt derzeit genau dort, wo seine Cousins und sein Onkel wohnen. Als Herr Schuster nun einen neuen Platz mit dem Namen “Stuttgart” in Santiago de Chile einweihen wollte, geschah folgendes:

Sehr schräg, nicht nur die Kamera.

Die Stuttgarter Zeitung(en) und die Demokratie

Ein sehr interessanter Artikel der StZ findet sich hier. Darin das folgende Zitat:

Die Stuttgarter Zeitung hat schon lange eine klare Haltung zu Stuttgart 21: Wir sehen das Vorhaben positiv, weil wir in dem Ausbau der Schieneninfrastruktur eine große Chance für die Stadt, für die Region und das Land sehen

Würde das nicht bedeuten, dass man als schreibender Redakteur jene von oben diktierte klare Haltung einzuhalten hat? Ein mir sehr befremdlicher Gedanke, der mich unweigerlich an den Begriff ‘Gleichschaltung’ erinnert. In der Umsetzung aber sieht man auch, dass Journalisten wie Jörg Nauke in den Redaktionsräumen der StZ den zivilen Ungehorsam proben. Eine kleine Genugtuung allemal.

Weit schlimmer ists da um die Stuttgarter Nachrichten bestellt. Als wir mit ‘Unsere Stadt’ Anfang des Jahres ein Interview mit ihnen hatten wurde uns auch gesagt, dass die StN eine deutliche Position in Sachen Tiefbahnhof vertreten. Unschwer zu erkennen, welche das ist. Dort wird dieses Dogma dann auch vorzüglich umgesetzt.

“Ha du, da stehts doch schwarz auf weiss”, oder: “Ich habs doch in der Zeitung gelesen!”

Hinter jedem Artikel einer Zeitung steht ein einzelner Mensch mit einer einzelnen, persönlichen Meinung. Es ist lediglich das gedruckte Wort, “schwarz auf weiss”, das uns eine erhöhte Bedeutung suggerieren kann. Das sollten wir nicht vergessen, ganz egal wie etabliert der Name des Auftraggebers, in diesem Falle der Zeitung, auch sein mag.

Apropos Auftraggeber: Beide Zeitungen gehören ein und demselben Verlag an.

Die gute Nachricht zuletzt ist die, dass wir dank des Internets die Möglichkeit haben uns zum selben Thema verschiedene Berichterstattungen der Medien zu Gemüte führen können. Gut so.

Weich gegen hart – her mit dem runden Tisch

Die Macher gehen in die Offensive und bieten einen runden Tisch an. An der Seite von Bahnchef Grube sollen Landespapa Stefan Mappus und die Verkehrsministerin Baden Württembergs, Tanja Gönner, (beide CDU) auf eine Delegation der Kopfbahnhoffreunde treffen. Wie soeben auf SPIEGEL online gelesen, wurde diesem Wunsch wohl eine Absage erteilt. Grund: Baustopp ist Bedingung fürs Gespräch, sagt die Kopfbahnhoffraktion. Grube aber wird seinen Kurs nicht ändern. Nichteinmal eine Baupause während der Unterredung käme für ihn infrage. Das ginge aus vertraglichen Gründen nicht und würde nur unnötige Mehrkosten bedeuten, sagte er.

Es erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar, dass das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 so reagiert, denn Sinn und Unsinn dieses Gespräches sind wahrscheinlich bereits im Vorfeld ausmachbar. Hier eine überaus knappe Zusammenfassung eines möglichen Szenarios des Gespräches:

Tiefbahnhof: Wir bauen. Hören Sie bitte auf zu demonstrieren.

Kopfbahnhof: Nö. Hören Sie bitte auf zu bauen.

Tiefbahnhof: Nö. Wir können aber gerne noch einen Kaffee zusammen trinken.

Ich plädiere dennoch für eine Zusage seitens der Kopfbahnhofbefürworter, aus einem ganz bestimmten Grunde:

Die Stuttgarter Protestbewegung besticht vor allem aufgrund ihres nicht von der Politik instrumentalisierten Charakters, der sich aus  allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen zusammensetzt. Hier liegt diese anziehende Sympathie. Nicht umsonst blickt die Nation derzeit augenreibend in unseren Kessel, entspricht dieser bunte Widerstand doch nicht dem gängigen Klischee anderer Proteste. Diesem womöglich entscheidenden Umstand müsste Folge geleistet werden, würde es an den runden Tisch gehen.

rundertisch

Es wäre aus meiner Sicht fatal, schädigend und den Demonstrierenden gegenüber respektlos, würde man das Gespräch vor allem zu einem Schlagabtausch von Politikern zweier Parteien machen – CDU versus Grüne. Das würde jener alten Schule entsprechen, die dieser Bewegung für den Kopfbahnhof keinesfalls entspricht. Alleine das mediale Bild, die Parteinamen in Klammern hinter den Beteiligten, wäre der Sache nicht gerecht.

Selbstverständlich braucht es einen sachkundigen Verkehrsexperten, der sich umfassend mit der Thematik Stuttgart 21 auseinandergesetzt hat. Denn auf dieser (und der finanziellen) Ebene werden die Projektbefürworter argumentieren. Und nur auf dieser. Deshalb:

Es ist wichtig, die weichen Faktoren dieses Widerstands angemessen zu vertreten. Wer also käme für diese Aspekte in Frage? Gesetzt wäre für mich in jedem Falle Walter Sittler. Der Schauspieler versteht es, die Belange vieler bürgernah auf besonnene Weise zu artikulieren. Auch Hannes Rockenbauch bekäme meine Unterstützung, schafft er es doch dem Bild eines Politikers einen neuen, frischen Anstrich zu verleihen. Ein weiterer Kandidat könnte Volker Lösch sein. Der Regisseur vermag es ebenso in eigener Sprache für das Ansinnen der Demonstranten aufzutreten.

Obschon der unbewegliche Ausgang eines solchen Aufeinandertreffens absehbar wäre, sähe ich eine große Chance für die angesprochene Aussendarstellung der medialen Berichterstattung: Rationalität gegen Lebendigkeit. Letzteres ist das große Potenzial der Protestbewegung und es würde mich regelrecht ärgern, käme diese Stärke gegenüber Grube, Mappus und Gönner nicht zu einer angemessenen Geltung. Abschliessend will ich in die Vollen gehen:

“Das Weiche besiegt das Harte” (Laotse)

Fortschrott 21?

Stuttgart 21 steht für vieles. Wieder fallen diese Begriffe: Fortschritt, Wachstum, Wettbewerb, Zukunft.
Oder gegenteilig im Umkehrschluss: Stillstand, Stagnation, Verlust, Vergangenheit.
Diese Worte werden vielfältig interpretiert und verknüpft: Ewiggestrige, Verweigerer, Denkmalschutz, Ökos, etc.

Ich wünsche mir eine Debatte, so öffentlich und umfassend wie nur möglich, über genau diese Begrifflichkeiten. Allein der Terminus ‘Fortschritt’ gehört meines Erachtens nach zur besten Sendezeit diskutiert und morgens um 9 wiederholt. Ich beklage die Selbstverständlichkeit im Umgang damit, scheint doch beinahe jeder genauestens zu wissen, was es inhaltlich damit auf sich hat. Ist dem so? Ich denke nicht.

Fortzuschreiten bedeutet im Wortlaut etwa “voranzukommen”. Die Bewegung von A nach B nach C, und so weiter. Einen Weg zu bestreiten, aufbauend auf die Vergangenheit, weg vom bereits Gewesenen. Im neutralen Sinne befürworte ich das sehr, möchte ich doch selbst nicht auf der Stelle tappen um dem mir Neuen aufgeschlossen zu sein. So tickt der Mensch, er verharrt nicht gerne im immer gleichen. Das beweist, im Großen, die Geschichte unserer Geschichte.

Idealerweise geschieht das lernend, sachlich wie auch moralisch. Aus Fehlern Schlüsse ziehen, hin zur (Ver)besserung. Also sehe ich mich um und frage nach, ob dieses Bestreben tatsächlich stattfindet. Die Antwort auf diese Frage fällt sehr unterschiedlich und subjektiv aus. Gerade das habe ich in den letzten 9 Monaten, in der gezielten Auseinandersetzung mit Stuttgart 21, im Besonderen zu spüren bekommen.
Sei es in der direkten Kommunikation mit Gegnern und Befürwortern dieses Projekts, oder aber durch die mediale Berichterstattung auf mittlerweile sämtlichen Kanälen. Es ist faszinierend, ermunternd und deprimierend zu bemerken, wie verschieden ein Tenor ausfallen kann, steht doch hinter jedem Artikel einer Zeitung meist ein einziger Mensch, der seine Sicht der Dinge zu Papier bringt. Ähnlich sieht es mit den Redakteuren all der diversen Beiträge im TV aus. Wer berichtet wie, worauf wird das Augenmerk gelegt? Was ist, im Sinne des jeweiligen Auftraggebers, tendenziell, wo denke ich Objektivität zu erkennen? Und: Bin ich überhaupt in der Lage, Objektivität zu erkennen? Ich weiss nicht, ob ich das kann, ob wir das können.

Doch zurück zur Bahnhofstieferlegung und den Begrifflichkeiten

“Wenns nach euch ginge, fahren wir bald wieder mit Pferdekutschen durchs Land.”

pferdekutsche

Das habe ich, so oder so ähnlich, in lokal-einschlägigen Kommentarspalten des Internets nun schon öfter zu lesen bekommen, gerichtet an Menschen wie mich, die einen sanierten, renovierten und optimierten Kopfbahnhof befürworten. Woher kommt diese Interpretation?
Kaum einer will zurück zur Pferdekutsche, jedenfalls kenne ich niemanden der so wünscht. Dafür kenne ich umso mehr Menschen, die die vorhandene Mobilität nicht nur als ausreichend empfinden, sondern sogar schätzen. Wir fliegen, fahren und schwimmen. Wir sind schnell geworden, bequem und effizient. Von A nach B und wieder zurück. Gerade wir, in unseren kapitalistischen Gesellschaften, haben dies längst erreicht und das mit grosser Bravour.

Um was also gehts, was zählt? Wie sehr kann man die Silbe ‘fort’ des Begriffes ‘Fortschritt’ übertreiben? Ich will eigentlich lieber ‘hin’ als fort. Hin zu euch, hin zu mir. Das kann mir kein Zug und keine Schiene dieser Welt bieten. Deshalb: Was verbirgt sich im Jahre 2010 hinter diesem vielbesagten Begriff des ‘Fortschritts’?

Ich glaube es wird allerhöchste Eisenbahn, dieses Wort auch emotional greifbar zu machen. Zu fragen, wie wir leben wollen, was bisher bereits erreicht wurde, wohin wir streben. Abseits all der im Überfluss vorhandenen Technokratie, die unser Leben anscheinend bestimmt. Einhalt gebieten, ein bischen Stillstand zur Reflexion. Und dann erst entscheiden, wohin die Reise gehen soll, im Sinne aller.

Fortschritt oder Fortschrott?

Ich bin ein Politiker, holt mich hier raus!

Es ist reine Theorie. Aber eine, die gar nicht so schlecht klingt. Stuttgart 21 könnte leichter in die senkrechte Ablage wandern, wenn sich den Politikern unter den S21-Protagonisten eine Möglichkeit bieten würde, aus dem Projekt auszusteigen, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren. Das leuchtet ein: Politiker wollen vor allem eines: Wahlen gewinnen. Und das wird für CDU, FDP und vor allem die SPD von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Im Fall der CDU hat das auch eine bundespolitische Dimension: scheitert Mappus im kommenden März, verliert Frau Merkel den einzigen veritablen Kettenhund, der auch für die konservativsten Niederungen der CDU kläffen kann. Daher erscheint es nicht so unwahrscheinlich, dass die ein oder andere Politikgröße am liebsten gestern als heute ihr Fähnchen in die geänderte Windrichtung von Volkes Stimmung halten würde. Aber wie aus dem Projekt aussteigen, von dem man die ganze Zeit so begeistert war, ohne den allerletzten Hauch Glaubwürdigkeit zu verlieren?
Mit der Veröffentlichung der Frankfurter Rundschau am Freitag hat sich da eine Chance auf ein kleines, feines Ausstiegsszenario mit Gesichtswahrungs-Garantie für die verantwortlichen Politiker ergeben.

Bewahrheitet sich das zitierte “geheime Papier”, fliegt Herrn Grube der ganze Laden nämlich um die Ohren. Die bislang in Verantwortung stehenden Politiker können mit größtmöglicher Empörung betonen, dass sie aber auch gar nichts von diesen Fakten gewusst haben – Grube sie also böswillig hinters Licht geführt hat. Eiligst wird eine genaueste Untersuchung veranlasst, Grube (mit einer ordentlichen Abfindung, versteht sich) in die Wüste geschickt und das unwirtschaftliche Projekt schließlich gestoppt. Die Politiker können sich sogar als kleine Helden feiern lassen und hoffen, dass das Urteil des Volkes danach ein wenig milder ausfällt.

Extra-Bonbon für CDU-Politiker dabei: SPD-Mann Wolfgang Drexler hat sich mit seinem vorschnellen Dementi vom Freitag selbst abgeschossen. Selbst wenn er glaubhaft machen kann, dass er die Informationen wirklich nicht kannte. Das glauben wir ihm sofort! Spötter behaupten ja ohnehin, er habe als “Ausbildung” für sein Amt als Mister 21 lediglich eine Werbebroschüre zum Auswendiglernen bekommen – und aus der zitiert er seither und wiederholt mantra-artig die 1,4 Milliarden-Ausstiegs-Keule.

Dieses Szenario gilt im Übrigen nicht für Wolfgang Schuster. Denn er muss und will keine Wahlen mehr gewinnen. Genau genommen, vermittelt er in beeindruckender Weise, dass er ohnehin mit dieser Stadt und seinem Amt abgeschlossen hat. Für ihn als glühendsten Anhänger von Stuttgart 21 ist mit der Kassierung des Projekts der passende Moment zum Rücktritt gekommen.

Erleichterung auf allen Seiten.

Besonnenheit ist kein einfaches Unterfangen

So mancher hier gelangt in diesen Tagen an seine Grenzen. Diese Grenzen sind individuell verschieden, setzen sich doch mittlerweile sehr viele Menschen auf vielfältigste Arten und Weisen für ihre Stadt ein. Die einen sitzen mit nur kurzen Unterbrechungen Tag und Nacht an der Mahnwache am Bahnhof, andere versuchen sich in Sitzblockaden und nehmen damit Strafbestände und Repressalien in Kauf. Wieder andere schreiben sich im Internet die Finger wund, organisieren und aktivieren. Und dann gibt es diese Alarmsituationen vor dem Bauzaun, in welchen sich nachvollziehbarerweise die konkrete Wut entlädt. Nicht selten auch gegenüber den Einsatzkräften der Polizei, die der undankbaren Aufgabe Folge leisten muss, Baumaßnahmen trotz Widerstand aus der Bevölkerung zu ermöglichen.

All diesem Engagement ist wohl die nervliche, emotionale Belastung gemein, die unter solch aufgeheizten Umständen nicht vermeidbar ist.

Seit letztem Montag ist im Grunde Daueralarm, es bleibt wenig Zeit um geschlossen und angemessen zu reagieren. Die in meinen Augen niederträchtige, faktische Vorgehensweise der Deutschen Bahn verlangt der Protestbewegung einiges ab und provoziert die Eskalation buchstäblich. Diesem Druck gilt es nun standzuhalten. Keine einfache Aufgabe, aber dennoch machbar.

Auch innerhalb der Bewegung wird seit Montag verstärkt diskutiert: Wie weit darf der zivile Ungehorsam gehen? Wann ist der jeweils richtige Zeitpunkt, dieses Mittel einzusetzen? Macher und Entscheider des geplanten Bauvorhabens gehen strategisch vor, das nimmt einen nicht Wunder. Dementsprechend muss auch die Menge der Demonstranten klug vorgehen, soll das Ganze doch nicht aus dem Ruder laufen und die bisher gewonnene Geschlossenheit nicht aufs Spiel gesetzt werden. Ich selbst bin für friedlichen, zivilen Ungehorsam, denke aber, dass dieser möglichst gezielt und sinnvoll eingesetzt werden sollte.

Umso mehr Menschen sich dem Widerstand anschliessen, umso schwieriger wird selbstverständlich auch die Koordination. Hier sind wir nun alle gefordert, trotz aller Schwierigkeiten der Umstände, so gut es geht besonnen zu agieren und zu reagieren. Formen der Gewalt würden unausweichlich dazu führen, dass sich Unterstützer der Bewegung und solche, die es noch werden könnten, vom Protest distanzieren könnten. Dieses Risiko sollten wir im jetztigen Stadium der Ereignisse nicht eingehen, denke ich.

Am wichtigsten ist es nun Präsenz zu zeigen. Ich weiss, beinahe täglich zu Demonstrationen aufzurufen ist nicht leicht. Gerade Menschen, die sich dieser Bewegung erst kürzlich angeschlossen haben werden sich vielleicht etwas schwerer tun sich zu überwinden, gleich mehrmals innerhalb einiger Tage vor Ort zu sein. Dennoch ist das im Moment das wohl stärkste Mittel um den Druck auf Politik und Bahn weiterhin aufrecht zu erhalten, das Medieninteresse als Unterstützung nicht versiegen zu lassen. Diese Lebendigkeit ist es, die wir alle vordergründig leisten können, ohne uns Beine auszureissen.

In diesem Sinne:  Morgen, Freitag, ab 18 Uhr zur Großdemo. Das Wetter meint es erneut gut mit uns. Weiter gehts, verehrtes Stuttgart, die Sache ist noch nicht vom Tisch. Wir sind es auch nicht.

Panikmache oder QED?

In den vergangenen Monaten, Wochen und Tagen haben sich einige Dinge bewahrheitet, die die Kritiker von Stuttgart 21 schon seit Langem anmahnen. Zeit für eine kleine — und zugegebenermaßen vollkommen unvollständige — Bestandsaufnahme dessen, was zu beweisen war:

  • “Das Projekt wird deutlich teurer.” Darüber müssten eigentlich keine weiteren Worte verloren werden, allerdings wirft die Aussage des Vorsitzenden des Bundesverkehrsausschusses Winfried Hermann, seine Anfrage auf Einsicht der Wirtschaftlichkeitsberechnung der DB werde mit Hinweis auf “geheime Unternehmensdaten” (Zur Erinnerung: die DB ist 100-prozentige Tochter des Bundes, S21 und die Strecke Wendlingen-Ulm werden überwiegend aus Steuermitteln finanziert) abgelehnt, auch ein neues Licht auf den ohnehin schon dubiosen Großauftrag des Landes für die DB im Jahr 2001. Dass zudem zahlreiche Schätzungen und Gutachten von unabhängigen Experten, aber auch des Bunderechnungshofes, allesamt auf steigende Kosten hinweisen, ist inzwischen hinglänglich bekannt.
  • “Die Bauzeit wird sich deutlich verlängern.” Dass es die DB offenbar geschafft hat, bereits in den ersten Wochen der Bauarbeiten auf dem Gleisvorfeld eine Verzögerung von Bauabschnitten von einem Jahr herauszuarbeiten, ist rekordverdächtig. Dass sie es zudem mit der Demontage eines einzigen Signals geschafft hat, denS-Bahnverkehr ins Chaos zu stürzen, macht einmal mehr deutlich, was vom gebetsmühlenartig vorgetragenen Hinweis zu halten ist, S21 sei das “am besten geplante Projekt aller Zeiten”.
  • “Die neu entstehenden Arbeitsplätze auf der Baustelle werden hauptsächlich mit Arbeiter aus Billiglohnländern besetzt.” Dass nun bei einerRoutinekontrolle auf der Baustelle Nordflügel gleich neun von elf Arbeitern keine ordentlichen Papiere vorweisen konnten, hätte wohl kaum jemand erwartet, gibt aber einen kleinen Vorgeschmack, was uns das “Jobwunder S21″ bescheren wird. “Dreist” ist für die Chuzpe des Bauunternehmens überhaupt kein Ausdruck!
Die Kassandrarufe blieben bislang ungehört...

Kassandra hatte halt schon damals recht...

Was muss denn eigentlich noch eintreten, bevor dieses Projekt gestoppt wird?

Und bevor nun wieder die üblichen Kommentare à la “die Gegner können doch nur Ängste schüren” kommen. Mir macht eigentlich nur eines wirklich Angst: die Ignoranz der Macher gegenüber den offensichtlichen Defiziten des Projekts! Fortschritt sieht anders aus.

Rede und Antwort

stand Putte heute bei MotorFM

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Es überschlägt sich ein bißchen

Gestern Abend also die “Erstürmung” des Bauzaunes vor dem Nordflügel. Während auf der Bühne noch die letzten Worte des offiziellen Programms gesprochen wurden, machten sich ein paar Leute daran, ein Loch in den Zaun zu schneiden oder fräsen. Daraufhin fühlten sich mehrere hundert Protestler dazu eingeladen, sich den bunt geschmückten Kulturwall einmal von hinten anzusehen. Kurz danach marschierten Polizisten in den Käfig. So standen und saßen sie da, Demonstranten und Uniformierte. Die Lage war und blieb friedlich, ruhig allerdings nicht: Musiker, ausgestattet mit Akkordeon, Trompeten, Trommeln usw. spielten den Soundtrack zur zweiten Besetzung im Rahmen des geplanten Projektes der Tieferlegung des Hauptbahnhofes. Wände und Boden wurden mit Kreide bemalt und beschrieben, Slogans skandiert. Die Stimmung war, meinem Empfinden nach, sehr gut und niemals aggressiv oder gar bedrohlich.

Ich selbst stand ausserhalb, betrachte den Trubel mit gemischten Gefühlen. Einerseits fühlte ich eine moralische Berechtigung und Freude darüber, dass sich Bürger auf kreative Art und Weise für kurze Zeit nehmen, was ihnen ja eigentlich sowieso gehört. Auf der anderen Seite aber wurde mir auch klar, dass wir hier gegen geltendes Recht verstiessen. Es war toll zu sehen, dass die PolizistInnen recht gelassen und teilweise auch schmunzelnd zur Kenntnis nahmen, was geschah. (Beendet wurde die Aktion übrigens mit einer Polonaise im Takt der Musik.) Tatsache ist aber eben auch, dass hier juristisch gesehen vermutlich ein Strafbestand vorlag, der formal die Grenzen des zivilen Ungehorsams übertrat. Die Deutsche Bahn ist sicherlich hocherfreut angesichts des Verhaltens der Polizei. Hrhr.

Heute, 24 Stunden später, geistert ein Gerücht von einer der obersten Stellen der Organisation der Proteste durch die Gegend. Die gestrige Aktion könne zukünftige Veranstaltungen am Nordflügel sehr schwer machen, vielleicht sogar unmöglich, heisst es da. Grundlage dazu seien Äusserungen und Erwägungen des Ordnungsamtes, Konsequenzen aus der Aktion zu ziehen. (Ich kann mir allerdings nur schwerlich vorstellen, dass die Demos nicht mehr gestattet werden. So naiv wird man an amtlicher Stelle nicht sein.)

Dem aber nicht genug. Auch Stefan Keilbach, Sprecher der Stuttgarter Polizei, äusserte sich zu den Vorkommnissen: Mehr Personal müsse her, weniger Zurückhaltung, eine neue Form der Aufsicht, mit allen rechtlichen Möglichkeiten konsequent vorzugehen. So Herr Keilbach, dem ich vor ein paar Wochen das Kompliment aussprach, dass die Stuttgarter Polizei seit den Anfängen der Demos im November einen hervorragenden Job mache. (Hierbei muss ich erwähnen, dass ich mich mit Autoritäten generell sehr schwer tue.)

Hier eine Sendung von Regio TV, mit den Aussagen des Polizeisprechers.

Zu diesem Kompliment stehe ich noch immer, befürchte aber, dass der letzte Montag Veränderungen der zukünftigen Situation mit sich gebracht hat. Zu heiss sollte man dies nicht kochen, auf die leichte Schulter aber gehört es genauso wenig. Jene Besonnenheit des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 auf organisatorischer Seite, als auch das Verhalten von uns Protestlern, gehört bedacht und beibehalten. Die große Stärke dieses Protests liegt in der Friedlichkeit und Kreativität in der Summe all seiner unterschiedlichen Teilnehmer. Diese kommen aus sämtlichen Gesellschaftsschichten und mittlerweile auch Altersklassen. Es erstaunt mich sehr, wie gut das zusammengeht. Und ich bleibe dabei zu denken, dass der Bahnhof als solcher für viele nun zu einem Symbol für etwas größeres wurde. Es geht um ein Demokratieverständnis und um einen sich verändernden Zeitgeist. Ich mag mich täuschen, dennoch bleibt dies für mich jener größere Kontext, der mich dazu brachte an diesem Protest teilzunehmen und mich zu engagieren.