Kategorie → Doras Kolumne über Loch21

LOCH21: Rathaus muss schon im August den Grabarbeiten weichen.

Neues aus dem LOCH21:

Blühendes Gleisfeld

Ich schreibe einen Blog (Doras Tagebuch) in dem das Thema Stuttgart und seine Zukunft auch eine Rolle spielt. Ich habe mich dort etwas mit der Werbekampagne für die besseren Argumente auseinandergesetzt. (Gesucht: Die guten Argumente) Bei der darauf folgenden Kommentardiskussion wurden die Zukunftsversprechen von S21 mit den „blühenden Landschaften“ Helmut Kohls verglichen. Ich versuchte mich mal der Sache ohne Anti-S21-Polemik zu nähern, sodass es vielleicht auch für jemanden interessant ist, der diese Diskussion nicht verfolgt oder gar nicht von hier ist. S21 ist jedoch ein gutes Beispiel für eine allgemeine Beobachtung die ich gemacht habe.

„Dieses Projekt steht für Zukunft. Wer dagegen ist, ist gegen die Zukunft.“

Doch welche Zukunft? Richtig müsste es heißen: “ist gegen diese Zukunft”. In dem man die eigene Vision zur offiziellen, zur einzig richtigen Zukunft erklärt verallgemeinert man die Aussage und kann den Gegner auch allgemeine Zukunftsfeindlichkeit bescheinigen. Dummer retorischer Trick. Und viele fallen drauf rein. Ich fühle mich durch solche logischen Taschenspielerein beleidigt. Manchmal frag ich mich welche Zukunft sich deren Gestalter eigentlich überhaupt vorstellen? Welcher Vision oder Utopie folgen sie? Oder ist für sie der Weg das Ziel weil ihnen das erschaffen der Zukunft an sich von Nutzen ist? Manchmal hab ich das Gefühl von blindem Aktionismus. Hauptsache man macht irgendwas. Dann wird auch irgendwas passieren. Und wenn’s nicht klappt dann waren die Bedingungen unerwartet und man muss nachbessern, das kostet halt leider noch mehr Geld das man nicht hat. Aber wer will das halb fertige Projekt denn aufgeben, dann wäre der bisherige Weg mit seinen Kosten ja umsonst gewesen. Und wer weiß wie schlimm es geworden wäre wenn man gar nicht erst angefangen hätte? Und wenn dann andere dagegen sind liegt es daran, dass sie alles so behalten wollen wie es ist und sich gegen den Fortschritt stellen. Am besten nicht drauf hören, jedes große Projekt hatte seine Gegner und als es dann da war konnten sie auch nichts mehr dagegen machen. Schlimmer noch ist wenn Gegner Alternativen vorschlagen, denn damit drohen sie einem das Zukunftsmonopol streitig zu machen und womöglich die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Das gilt es zu verhindern, der wer die Zukunft baut kann sie auch lenken, am besten in die eigene Tasche. Den Gegner sollte man gar nicht erst ernst nehmen, ihm ja keinen Spalt in der Tür lassen sodass er dann seinen Fuß reinstecken kann. Gleich als zukunftsfeindliche Spinner diffamieren, die aus Spaß am Protest protestieren. Und wenn das Volk das dann immer noch nicht gut findet macht man halt Werbekampagnen und argumentiert irgendwas vor sich hin. Es ist auch egal, was man da sagt, da man das Projekt eh schon so weit vorangetrieben hat dass ein Abbrechen sehr teuer wäre. Und da das Volk eh nicht direkt befragt werden muss ist es eigentlich eh egal. Man verspricht einfach blühende Landschaften. Und wenn die dann nicht so richtig zum blühen kommen sind ja schon längst andere an der Macht die dass dann ausbaden müssen.

Ich werd doch wieder polemisch. Es ist nicht einfach sachlich bei der Sache zu bleiben wenn die sachlichen Argumente fehlen. Hätte die Vision von Stuttgart21 Hand und Fuß müssten keine so schwachsinnigen Werbekampagnen auf die Leute losgelassen werden. Und was die blühenden Landschaften betrifft: Ich finde es auch ohne sie schön dass wir wieder ein deutscher Staat sind. Es würde mir bei S21 leichter fallen es zu akzeptieren wenn die Kommunikation etwas ehrlicher wäre. Ich hasse es für dumm verkauft zu werden.

Ich hätte gerne eine Vision eines zukünftigen Stuttgarts das nicht nur noch mehr charakterlose Shopingmalls und Wohngebiete mit 70% gewerblicher Nutzung vorsieht. Für ein Stuttgart das den neu geschaffenen Raum im Sinne der Bürger nutzt und nicht von einem kleinen Klüngel auf dem Reisbrett entworfen wird wäre ich gerne bereit Opfer zu bringen, seien es Geld, Baustellenbelästigung oder Bäume. Ich bin nicht gegen die Zukunft. Alles was ich will ist mitgestalten.

(Zuerst veröffentlicht am 5. Juli unter http://asemwald.wordpress.com/2010/07/05/ubergestulpte-fremdzukunft/)

Nutzlos aufgerissener Arsch?

Mit meinem Vorhaben, das größte Loch der Welt zu graben – oder besser gesagt graben zu lassen – hab ich eine ganze Menge Gegner des Großwahnprojektes Stuttgart21 kennengelernt. Der eine oder andere liebäugelt sogar mit der LOCH21-Idee. Kein Wunder: Mein Großwahnprojekt ist glamouröser als das der Bahn und ihrer Kumpels. Und wenn schon gebaut wird, dann richtig.
Hoffnungsloser Kampfeswille
Gestern fragt mich doch einer, ob ich eigentlich glaube, dass man S21 noch aufhalten könne. Als LOCH21-Aktivistin sprang mir ein entschlossenes “Ja” förmlich auf die Zunge, aber da ich mir den gut geschmierten Apparat anschaute, der hinter S21 steht, kamen mir da so die Zweifel. Nein. In einem spontanen Anfall von Ehrlichkeit hab ich dann doch einfach “Nein” gesagt. Warum ich mir dann den Arsch so aufreiße, wollte der andere wissen. Hoffnungsloser Pessimismus ist eigentlich nicht mein Metier, drum verunsicherte mich die berechtigte Frage erst mal. Ist nicht bedingungsloser Glaube, wenn auch irrationaler, der beste Motor? Wie will man einen Kampf kämpfen, wenn man den Sieg nicht im Kopf hat? Ein Blick in mein Samuraihandbuch, dass ich in Kampfsituation gerne konsultiere, machte mich auch nicht schlauer. Vielleicht sollte ich meine Definition von Sieg mal hinterfragen.
Wer zahlt, bestimmt?
Wird S21 aufgehalten, dann ist ja alles gut. Doch was wenn nicht? Stuttgart wird sich ändern. Einiges wird wegfallen: Bäume, Wagenhallen und viele andere Dinge, die wir lieb gewonnen haben. Dafür entsteht viel neuer Platz. Und dieser wird natürlich meistbietend von der Bahn verkauft. Wer wissen will, wie Stuttgart mit neuen Flächen umgeht, darf gerne mal einen Ausflug machen und sich vom Charme des Pariser Platzes überzeugen. Stuttgart wird neu gestaltet. Doch von wem? Wie immer: von dem, der das Geld in der Tasche hat. Und wer vertritt eigentlich den Willen der Bürger, die letztendlich die Kosten durch ihre Steuern tragen und mit der Baustelle leben müssen? Eine demokratisch gewählte Regierung. Und die hofft, dass bis zur nächsten Wahl alles vergessen und verdrängt ist. Das wird ihnen gelingen, wenn der Bau von Stuttgart21 reibungslos von statten geht. Die meisten werden vergessen haben, dass es viele schlaue Alternativen gab, die einfach unter den Teppich gekehrt wurden. “Wer hätte denn ahnen können, dass das Ganze so schlimm wird?” werden einige fragen, und es liegt an uns, Ross und Reiter zu nennen.
Getriebesand gegen Verdeckungsteppiche
Wenn wir Sand ins Getriebe werfen und den Teppich lüpfen, können wir Stuttgart 21 vielleicht nicht verhindern. Aber eines werden wir schaffen: Bewusstsein. Bewusstsein dafür, wer uns die Scheiße eingebrockt hat. Und wenn Politiker um ihre Wähler bangen, werden sie hellhörig. „Stuttgart ist unsere Stadt. Wir gestalten unsere Zukunft selbst!“ werden sie es rufen hören. Stopp. Ich werde schon wieder überschwänglich. Na und? Ich hab immerhin einen guten Grund für zuvor erwähntes Arschaufreißen gefunden. Würde jeder, der nicht an die Aufhaltbarkeit von S21 glaubt, zu Hause bleiben und den Mund halten, hätten wir bald Stuttgart22: Die Tieferlegung des Flughafens.

LOCH21 II: Glamouröses Loch

von Dora Asemwald

So wie ich es verstanden habe, funktioniert das mit der Wirtschaft so, dass es immer wichtig ist Geld auszugeben, das man nicht hat. Man leiht es von Banken, die es wiederum von anderen leihen. Und dann gibt es noch jene, die das Ganze versichern und andere, die darüber wetten, ob es zurückgezahlt werden kann oder eher nicht so. Ziel solcher Konstrukte ist es, so kompliziert zu sein, dass keiner kapiert wo das Geld eigentlich herkommt und ob es überhaupt existiert. Da ja kein echtes Geld durch die Gegend gekarrt wird – ist ja heute alles virtuell – kann man da auch nicht mehr genau nachvollziehen, wem was nicht gehört. Ich bin beeindruckt, wie erfolgreich durch wirre Verschleierungstaktik die virtuelle Natur des Geldes unter den Teppich gekehrt wird.

Wohin mit all dem Geld?

Zurück zum Geld: Was macht man denn mit dem ganzen virtuellen Geld? Verprassen! Dazu ist doch Geld da, auch das auf dem Papier. Doch wohin mit dem ganzen Geld? Dieser Frage gehen die schlausten Köpfe in der Politik nach. Deren Leitsatz: Nicht kleckern, klotzen. Ein Großprojekt muss her. Man könnte zwar auch viele kleine Probleme lösen, aber das ist eher müh- als publikumswirksam. Kitas bauen und Kultur fördern macht zwar Bürger glücklich, aber das ist schnell vergessen, da total unglamourös. So schreibt man keine Geschichte. Einen Bahnhof zu vergraben und das so entstandene Bauland zu verscherbeln ist da schon besser. Das macht zwar die Bürger nicht glücklich, dafür aber die alten Kumpels aus der Baubranche. Und bis zur nächsten Wahl haben die Bürger eh vergessen, wer ihnen das Ganze eingebrockt hat. Dass das ganze Projekt hinten und vorne nicht zusammenpasst und keiner weiß wie viel das Ganze wirklich kostet ist ja egal, passiert ja eh erst in der Zukunft. Bis dahin hat man ja genügend Zeit Ausreden zu erfinden.

Großprojekt mit Glamourfaktor

Baubeginn für LOCH21: Freude für die ganze Familie!

Was ich nicht verstehe: Wenn man schon so viel Geld, dass man nicht hat, in ein Prestigeprojekt stecken will, warum vergräbt man dann ausgerechnet einen Bahnhof? Pharaonen haben Pyramiden gebaut, die noch heute Millionen von Touristen begeistern. Wer wird in drei Tausend Jahren noch nach Suttgart kommen und Stuttgart 21 bewundern? Schneller nach Ulm kommen – wo ist da der Glamourfaktor? Ein Neubaugebiet voll Investorenarchitektur wie wir’s schon am Pariser Platz bewundern können wird uns auch nicht in die Geschichtsbücher bringen. Was wir brauchen ist ein veritables Weltwunder! Und ich wette dass wir mit den Unsummen nicht vorhandenen Geldes, das Stuttgart 21 kosten wird, genau das erreichen können. Wenn wir schon zu graben anfangen, dann richtig! Wir graben das größte Loch der Welt: LOCH21. Wenn schon Größenwahn dann aber bitte mit Sahne. Den Exinhalt des Loches schütten wir auf den Monte Scherbelino über den Schutt des 2. Weltkrieges. Ein neues Skigebiet erfreut Bürger und Touristen, die Bewerbung für die Olympischen Winterpspiele 2022 macht wiederum Politiker und deren Kumpels in den Verbänden froh.

LOCH21: Ein Loch für alle

Die Tunnels von Stuttgart 21 kommen nur den Kunden der Bahn zu gute, eine kleine privilegierte Klasse jener, die sich noch Bahntickets leisten können. Ins LOCH21 kann jeder starren: Das Volksloch ist für alle da! Das motiviert den Bürger mitzuhelfen. Jeder kann am Wochenende seine Schaufel oder seinen Tagebaubagger packen und gemeinsam mit Familie und Freunden mit graben. Das fördert das Gemeinschaftsgefühl und sorgt für sportlichen Ausgleich. Das Projekt wird schnell die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen und vielleicht auch Nachahmer finden. Aber wir freuen uns, wenn unsere Idee Schule macht – so lange unser Loch das größte bleibt. Schon mit dem Fernsehturm haben wir unsere architektonische Vorreiterstellung behauptet, mit LOCH21 werden wir in der Geschichte des Städtebaus ein neues Kapitel aufschlagen. Jetzt gilt es, den machthabenden Geldschiebern das Projekt schmackhaft zu machen, so dass die Pläne Stuttgart 21 ganz schnell in jenem Loch begraben werden, das wir so dringend brauchen.

Doras Kolumne über Loch21

loch21

Von Dora Asemwald.

Bislang hab ich mich ja politisch aus allem rausgehalten. Ich kenn mich da so wenig aus, dass nicht einmal mehr improvisiertes Klugscheißen darüber hinwegtäuschen kann. Das ist natürlich etwas doof, denn Politik ist wichtig und geht uns alle was an. Aber leider ist sie auch ein ernstes Geschäft. Ernst und ich stehen jedoch miteinander auf Kriegsfuß. Ich mag ihn nicht. Meist dient er als Ausrede für mangelnde Freude an sich selbst und am eigenen Schaffen. Seinen Mangel kann man neidvoll jenen vorwerfen, die ihr Leben mit Leichtigkeit bestreiten. Wer ernst ist, ist fokussierter, verliert aber die Distanz, aus der betrachtet sich die meisten Probleme erst lösen lassen. Ich versuche ernsthaft, mich und die Welt nicht so ernst zu nehmen und beobachte gerne aus ironischer Distanz.

In eben jener stolperte ich letzte Woche über einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung. Dort wurde am Rande erwähnt, dass ein Politiker im Zorn über den Bürgerprotest gegen das Großprojekt Stuttgart21 forderte, ein großes Loch im Bahnhof zu graben um zu zeigen, dass das Projekt unumkehrbar sei. Darüber wurde wohl ernsthaft diskutiert. Obwohl ich ja wie eingangs erwähnt eher sparsam mit Ernst haushalte, habe ich mal zur Abwechslung das Thema sehr ernst genommen. Und weitergedacht. Nehmen wir an, wir graben ein ernsthaftes Loch, nicht nur so ein kleines symbolisches. Wir nehmen all das Geld, das Stuttgart21 nach Expertenmeinung kosten wird. Das wären so um die 6.000.000.000 Euro (Damit kann man bei Aldi 16.071.428.571,42 Liter Karlskrone ohne Pfand kaufen. Verteilt auf die 593.639 Einwohner Stuttgarts müsste jeder hier 54.145 Flaschen von dem Zeug trinken). Wir versaufen das Geld nicht, wir graben damit.

Wir graben das größte Loch der Welt. Einen inversen Turmbau zu Babel. Tiefer als je zuvor rücken wir der Erde zu Leibe. Die Welt wird über das Stuttgarter Loch staunen. Wie die Nabe eines Rades wird Stuttgarts Loch das neue Zentrum Europas, um das sich alles dreht. Wer will da noch einen unterirdischen Bahnhof und ein Gewirr an unterirdischen Tunnels? Wer will dann noch schneller nach Ulm kommen? Jener Politiker der hier dominanten Partei weiß wahrscheinlich gar nicht, wie gut seine Idee im Ansatz ist. Lasst uns die Schaufeln packen und Tatsachen schaffen, die unumkehrbar sind. Ich habe letzte Woche zusammen mit Putte und Martin Zentner die Initiative LOCH21 gegründet und werde euch auf dem Laufenden halten, was da so geht. Im Ernst!