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Weich gegen hart – her mit dem runden Tisch

Die Macher gehen in die Offensive und bieten einen runden Tisch an. An der Seite von Bahnchef Grube sollen Landespapa Stefan Mappus und die Verkehrsministerin Baden Württembergs, Tanja Gönner, (beide CDU) auf eine Delegation der Kopfbahnhoffreunde treffen. Wie soeben auf SPIEGEL online gelesen, wurde diesem Wunsch wohl eine Absage erteilt. Grund: Baustopp ist Bedingung fürs Gespräch, sagt die Kopfbahnhoffraktion. Grube aber wird seinen Kurs nicht ändern. Nichteinmal eine Baupause während der Unterredung käme für ihn infrage. Das ginge aus vertraglichen Gründen nicht und würde nur unnötige Mehrkosten bedeuten, sagte er.

Es erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar, dass das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 so reagiert, denn Sinn und Unsinn dieses Gespräches sind wahrscheinlich bereits im Vorfeld ausmachbar. Hier eine überaus knappe Zusammenfassung eines möglichen Szenarios des Gespräches:

Tiefbahnhof: Wir bauen. Hören Sie bitte auf zu demonstrieren.

Kopfbahnhof: Nö. Hören Sie bitte auf zu bauen.

Tiefbahnhof: Nö. Wir können aber gerne noch einen Kaffee zusammen trinken.

Ich plädiere dennoch für eine Zusage seitens der Kopfbahnhofbefürworter, aus einem ganz bestimmten Grunde:

Die Stuttgarter Protestbewegung besticht vor allem aufgrund ihres nicht von der Politik instrumentalisierten Charakters, der sich aus  allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen zusammensetzt. Hier liegt diese anziehende Sympathie. Nicht umsonst blickt die Nation derzeit augenreibend in unseren Kessel, entspricht dieser bunte Widerstand doch nicht dem gängigen Klischee anderer Proteste. Diesem womöglich entscheidenden Umstand müsste Folge geleistet werden, würde es an den runden Tisch gehen.

rundertisch

Es wäre aus meiner Sicht fatal, schädigend und den Demonstrierenden gegenüber respektlos, würde man das Gespräch vor allem zu einem Schlagabtausch von Politikern zweier Parteien machen – CDU versus Grüne. Das würde jener alten Schule entsprechen, die dieser Bewegung für den Kopfbahnhof keinesfalls entspricht. Alleine das mediale Bild, die Parteinamen in Klammern hinter den Beteiligten, wäre der Sache nicht gerecht.

Selbstverständlich braucht es einen sachkundigen Verkehrsexperten, der sich umfassend mit der Thematik Stuttgart 21 auseinandergesetzt hat. Denn auf dieser (und der finanziellen) Ebene werden die Projektbefürworter argumentieren. Und nur auf dieser. Deshalb:

Es ist wichtig, die weichen Faktoren dieses Widerstands angemessen zu vertreten. Wer also käme für diese Aspekte in Frage? Gesetzt wäre für mich in jedem Falle Walter Sittler. Der Schauspieler versteht es, die Belange vieler bürgernah auf besonnene Weise zu artikulieren. Auch Hannes Rockenbauch bekäme meine Unterstützung, schafft er es doch dem Bild eines Politikers einen neuen, frischen Anstrich zu verleihen. Ein weiterer Kandidat könnte Volker Lösch sein. Der Regisseur vermag es ebenso in eigener Sprache für das Ansinnen der Demonstranten aufzutreten.

Obschon der unbewegliche Ausgang eines solchen Aufeinandertreffens absehbar wäre, sähe ich eine große Chance für die angesprochene Aussendarstellung der medialen Berichterstattung: Rationalität gegen Lebendigkeit. Letzteres ist das große Potenzial der Protestbewegung und es würde mich regelrecht ärgern, käme diese Stärke gegenüber Grube, Mappus und Gönner nicht zu einer angemessenen Geltung. Abschliessend will ich in die Vollen gehen:

“Das Weiche besiegt das Harte” (Laotse)

Ich bin ein Politiker, holt mich hier raus!

Es ist reine Theorie. Aber eine, die gar nicht so schlecht klingt. Stuttgart 21 könnte leichter in die senkrechte Ablage wandern, wenn sich den Politikern unter den S21-Protagonisten eine Möglichkeit bieten würde, aus dem Projekt auszusteigen, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren. Das leuchtet ein: Politiker wollen vor allem eines: Wahlen gewinnen. Und das wird für CDU, FDP und vor allem die SPD von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Im Fall der CDU hat das auch eine bundespolitische Dimension: scheitert Mappus im kommenden März, verliert Frau Merkel den einzigen veritablen Kettenhund, der auch für die konservativsten Niederungen der CDU kläffen kann. Daher erscheint es nicht so unwahrscheinlich, dass die ein oder andere Politikgröße am liebsten gestern als heute ihr Fähnchen in die geänderte Windrichtung von Volkes Stimmung halten würde. Aber wie aus dem Projekt aussteigen, von dem man die ganze Zeit so begeistert war, ohne den allerletzten Hauch Glaubwürdigkeit zu verlieren?
Mit der Veröffentlichung der Frankfurter Rundschau am Freitag hat sich da eine Chance auf ein kleines, feines Ausstiegsszenario mit Gesichtswahrungs-Garantie für die verantwortlichen Politiker ergeben.

Bewahrheitet sich das zitierte “geheime Papier”, fliegt Herrn Grube der ganze Laden nämlich um die Ohren. Die bislang in Verantwortung stehenden Politiker können mit größtmöglicher Empörung betonen, dass sie aber auch gar nichts von diesen Fakten gewusst haben – Grube sie also böswillig hinters Licht geführt hat. Eiligst wird eine genaueste Untersuchung veranlasst, Grube (mit einer ordentlichen Abfindung, versteht sich) in die Wüste geschickt und das unwirtschaftliche Projekt schließlich gestoppt. Die Politiker können sich sogar als kleine Helden feiern lassen und hoffen, dass das Urteil des Volkes danach ein wenig milder ausfällt.

Extra-Bonbon für CDU-Politiker dabei: SPD-Mann Wolfgang Drexler hat sich mit seinem vorschnellen Dementi vom Freitag selbst abgeschossen. Selbst wenn er glaubhaft machen kann, dass er die Informationen wirklich nicht kannte. Das glauben wir ihm sofort! Spötter behaupten ja ohnehin, er habe als “Ausbildung” für sein Amt als Mister 21 lediglich eine Werbebroschüre zum Auswendiglernen bekommen – und aus der zitiert er seither und wiederholt mantra-artig die 1,4 Milliarden-Ausstiegs-Keule.

Dieses Szenario gilt im Übrigen nicht für Wolfgang Schuster. Denn er muss und will keine Wahlen mehr gewinnen. Genau genommen, vermittelt er in beeindruckender Weise, dass er ohnehin mit dieser Stadt und seinem Amt abgeschlossen hat. Für ihn als glühendsten Anhänger von Stuttgart 21 ist mit der Kassierung des Projekts der passende Moment zum Rücktritt gekommen.

Erleichterung auf allen Seiten.

Es ist diese menschliche Ignoranz …

… die mich heute sehr fuchsig macht. Vermehrt tauchen in letzter Zeit Gutachten auf, die dem geplanten Tiefbahnhofprojekt im Herzen der Stadt schlechte Noten ausstellen. Diese Expertisen kommen nicht von irgendjemandem. Sie entstammen den Köpfen renommierter Leute, die sich professionell um die Details der Verkehrstechnik und des Bahnwesens kümmern. Bevor ich nun auf das Menschliche zu sprechen komme, bitte ich den interessierten Leser sich die ersten 3 Minuten des folgenden Links anzuschauen. Heute abend im SWR:

Reaktionen auf das Gutachten des Umweltbundesamt

Wir sehen Herrn Schmiedel, Chef der Landtagsfraktion der SPD. Was sagt dieser Mann, frank und frei, in die Fernsehkamera? Er sagt, dass Herr Holzhey jenem Gutachten seine “höchst private Meinung” untergejubelt hat. Holzhey sei erklärter S21-Gegner und Aktivist [sic!].

Besagter Holzhey ist einer der renommiertesten Experten dieses Landes, wenn es um verkehrstechnische Details des Bahnwesens geht. Er berät die Bundesregierung. Das ist seine Profession, davon lebt der Mann und hat sich aufgrund seines Wissens einen Namen gemacht. Und ja, er ist in der Tat bekennender Gegner von Stuttgart 21. Er hat bereits im Stuttgarter Rathaus gesprochen, im Auftrag der Kopfbahnhoffreunde. (Holzhey beginnt im verlinkten Youtube-Video ab Minute 2:38 zu sprechen.)

Aber zurück zur von mir empfundenen menschlichen Ignoranz am aktuellen Beispiel des Herrn Schmiedel im SWR-Beitrag.: Was also sagt der SPD-Politiker inhaltlich? Nichts sagt er, denke ich. Er versucht sich politisch-populistisch, versucht die Polarisierung der Situation für sein Interesse zu nutzen. Sein Schwindel aber fliegt mit jedem Satz auf. Denn: Welches “höchst private” Interesse hätte der von ihm kritisierte Holzhey denn einer Bundesregierung, welche der Deutschen Bahn die Erlaubnis erteilte, Stuttgart 21 zu Realität zu machen, ans Bein zu pinkeln? Ein Berater der Bundesregierung täte sicherlich besser daran, seine Auftraggeber bei längst beschlossenen Projekten zu umschmeicheln. Seinem Kunden macht mans am besten Recht, will man weiterhin zu Aufträgen kommen.

Wir sprechen hier nicht von einem eventuellen Bau eines Spielplatzes im Hallschlag, wir reden von einer jahrzehntelangen Baustelle inmitten unserer Stadt. Von irre großen Geldsummen, die schlussendlich von jedem Bürger dieses Landes berappt werden müssen. Von einer Kosten-Nutzen Rechnung, von Demokratie und städtischem Selbstbewusstsein, von Natur und der Frage der Notwendigkeit im Jahre 2010.

Wo Zweifel ist, da ist Zweifel, denn die Realität schert sich eine feuchte Kehrwoche um das, was wir von ihr halten. Sie ist, wie sie ist. Und in dieser konkreten Angelegenheit so zu tun, als ob sich sämtliche Experten ganz einfach täuschen, ist schlichtweg verantwortungslos auf hoher Ebene. “Dieses Gutachten kennen wir nicht”, sagte die Deutsche Bahn. Das tat sie zu Beginn des Jahres auch schon mal, als es um den Bericht des Bundesrechnungshofes ging. Das ZDF-Magazin Frontal 21 berichtete.

Ich wünsche mir eine neue Generation von Politikern. Führungsleute, die sachlich und gleichzeitig authentisch-menschlich versuchen, die Bürger auf ihre Seite zu bekommen. Es ist äusserst bedenklich, wenn Abhängigkeiten dazu führen Kritik gegenüber immun zu werden.

Um das zu unterstreichen, möchte ich noch ein Zitat anhängen:

“Die 61000 Unterschriften für eine Bürgerbefragung sind ein politisches Signal, aber juristisch nicht relevant.”

Das sagte Dr. Stefan Kaufmann, Stuttgarter CDU-Abgeordneter im deutschen Bundestag bezüglich S21, Anfang des Jahres im Bundestag, live im TV. Dieser Satz lässt mich irgendwie nicht mehr los, wenn ich an eine tatsächliche Demokratie denken muss.

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(Blödes Bild, aber wäre ich eine Frau wie diese würde meine Verwunderung womöglich so ähnlich aussehen.)

Die Maus erklärt Demokratie / Folge 2: Meinungsfreiheit

Links das bin ich und rechts ...

Das haben sich die klugen, alten Leute, die die Regeln auf Papier geschrieben haben, wie wir zusammenleben sollen, sehr schön ausgedacht: Jeder soll sagen dürfen, was er denkt. Auch wenn jemand anders anders denkt und es dem dann nicht so gut gefällt. Nur schlimm beschimpfen soll man sich nicht. Und auch nix fordern, was über die Regeln hinausgeht oder die Regeln abschaffen will. Ansonsten ist es ok alles offen zu sagen.
Das ist vor allem deshalb wichtig, weil wir ja (siehe Folge 1: Wahlen) nicht alle selbst bestimmen, wo es lang geht, sondern Verteter wählen, die das für uns tun. Und bei denen kann es vorkommen, dass sie viel versprechen, bevor sie gewählt werden, dann aber wegen der Situation, die sie vorher ja nicht so gut einschätzen konnten, wenig bis nichts davon umsetzen. Die Leute, die sie gewählt haben sind dann verständlicherweise ziemlich sauer und sagen das ab und zu (inzwischen immer häufiger) auch laut. Damit unsere gewählten Vertreter nicht einfach die Polizei schicken können, um die lautstarken Unzufriedenen in den Kerker zu stecken, damit die anderen Wähler sie nicht hören können und dann selbst unzufrieden werden, haben die klugen, alten Leute eben die sogenannte Meinungsfreiheit festgeschrieben. Und die gilt in Deutschland seit über 60 Jahren.
Allerdings gefällt es den gewählten Vertretern verständlicherweise nicht, dass man sie und ihre Arbeit – ein schwammiger Begriff, den erklärt die Maus ein anderes Mal – kritisiert. Da es aber gegen die Regeln wäre, wenn sie das den meckernden Leuten verbieten würden, versuchen sie immer wieder zu behaupten, dass die Leute, die kritisieren selbst gegen die Regeln verstoßen, damit sie damit aufhören. Zum Beispiel behaupten die Vertretrer dann, daß die meckernden Leute es nicht beim Meckern lassen, sondern sie bald möglicherweise auch beschimpfen, verhauen oder ihnen noch Schlimmeres antun, zum Beispiel ihnen die Nahrung wegnehmen. Das müssen die gewählten Vertreter tun, damit sie auch bei der nächsten Wahl wieder gewählt werden. Denn wenn immer mehr Leute sagen, dass sie nicht damit zufrieden sind, wird es für die Vertreter bei der nächsten Wahl eng.
Das glaubt ihr nicht? Dann lest mal das hier – und geht am besten zahlreich hin um euch diese Lehrstunde der Demokratie friedlich anzuschauen.

Die Maus erklärt Demokratie / Folge 1: Wahlen

Links, das bin ich. Rechts, das ist der Wolfgang. Der mag Porzellanläden, die Stuttgart heißen.

Wenn Leute sich entscheiden müssen, wer ihnen am besten sagen kann, wie sie zusammen leben sollen, können sie zwischen zwei oder mehr Kandidaten wählen. Dann überlegen sie sich, wer wohl der Klügere und Vernünftigere ist, die besseren Ideen und Erfahrungen hat und wer den Ort an dem sie alle leben am besten kennt.
Wenn viele Kandidaten gewählt worden sind, um zusammen für das Wohl der anderen zu arbeiten, gelten die Dinge nach denen die Leute gewählt haben aber nicht mehr, weil dann wird alles viiieeel komplizierter. Das sieht man zum Beispiel, wenn die gewählten Leute selber wählen müssen. Da wählen sie dann nicht den Kandidaten, der die besseren Ideen, die längere Erfahrung oder die beste Kenntnis des Orts hat, sondern den, den sie am besten leiden können, der zur richtigen Partei gehört oder dem sie noch einen Gefallen schulden –

oder sie wählen den, mit dem sie dem anderen am besten eins auswischen können. Das müssen sie so machen, weil sie ja alles besser wissen als die Leute, die sie gewählt haben. Sonst hätten die sie ja nicht gewählt. Und wenn sie schon ganz lange immer wieder gewählt worden sind, dann bekommen sie manchmal das Gefühl, dass nicht sie dazu da sind, sich um das Wohl der Leute zu kümmern, die sie gewählt haben, damit sie sich um ihr Wohl kümmern, sondern dass die Leute dazu da sind, sie zu wählen, damit sie selbst sich um ihr Wohl kümmern können. Das klingt ganz schön kompliziert, deshalb kann man dabei auch schon mal durcheinander kommen.
Jedenfalls zeigt das, dass es bei Politik nicht um Vernunft oder so geht, sondern darum, möglichst lange über die anderen zu bestimmen.

Ihr glaubt das nicht? Dann lest mal das hier. Und danach glaubt ihr dann vielleicht auch, dass das nicht nur bei Wahlen funktioniert. Aber wenn es um große Projekte geht, dann wird das alles n o c h komplizierter. Das erkläre ich euch nächstes Mal.

Ich steh auf Berlin!

Diesen alten Ideal-Klassiker scheint man ja bei unserer Stadtverwaltung verinnerlicht zu haben. Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, sorgt man sich rührend darum, die mehr und die weniger Kreativen unserer Stadt möglichst effektiv dorthin zu verjagen.

Und wenn sie dann mal für die Stadt und die Menschen, die in ihr leben und arbeiten, sein könnte, zieht es die Stadtoberen gerne selber dorthin. The Embassy heißt der Zufluchtsort, wenn es aktuell darum geht, 150.000 Euro in eine neue Kampagne zu versenken, die möglichst wenig Eindruck schinden soll, wie das Lift in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. The Embassy heißt der Gewinner der Ausschreibung und zeichnet sich auch schon für die reichlich unbekannte “Be Berlin” Kampagne verantwortlich, die von 60% der Berliner als schlecht empfunden wird.

Gut, man könnte jetzt unfair sein und sagen, dass bei einer 60%igen Ablehnung genau das Niveau erreicht ist, was man schon mit Stuttgart 21 erreicht hat und nur 60% Ablehnung sind ja auch schon mal besser als gar keine Zustimmung, aber schauen wir uns doch mal an, was man sich in Stuttgart sonst noch so für heiße Feger in Berlin zusammenschustern lassen hat:

“Wir können alles außer Hochdeutsch”. Wow, super! Ich frage mich seit Jahren, was dieser Spruch soll? Neid erzeugen, weil wir hier besser sind als alle anderen und mit dem Dialekt gleich noch ein zweites Argument liefern, warum man uns nicht gut finden darf? Prima gelungen! Dieser Spruch fliegt einem ja sprichwörtlich alle paar Meter um die Ohren, wenn man Baden-Württemberg mal verlässt. Arroganz gepaart mit Lächerlichkeit ist nunmal keine Werbung!

“Das neue Herz Europas”. Nuja, auch eine Totgeburt hat ein Herz, nur schlägt es in der Regel nicht.

Ach, wo wir grade mal wieder bei S21 sind. Das Büro Drexler gab bekannt, daß die neue Kommunikationsstrategie von der Stuttgarter Agentur ‘Die Crew‘ ausgearbeitet werden soll. Über den Laden in der Maybachstraße selbst ist mir nicht sonderlich viel bekannt, was aber jedem schon mal aufgefallen sein dürfte, ist wohl der mit Abstand coolste Eingangsbereich der Welt samt anspruchslosestem und arbeitswütigstem Pförtner weit und breit.

crew1

Den ersten negativen Erfolg hat die Crew ja mittlerweile auch schon zu verbuchen. Das langjährige Aufsichtsratmitglied Rezzo Schlauch hat mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat erklärt.

Dafür ein großes ‘Hut ab’, Herr Schlauch. So viel Größe ist von (ehemaligen) Politikern in der Regel nicht zu erwarten und das ehrt Sie wirklich!

Ich bin ja jetzt erst recht sehr gespannt darauf, was die Crew sich einfallen läßt. Als Stuttgarter und nun auch persönlich betroffene Agentur dürfte sie ja über die gespaltene Stadt bestens informiert sein und ich freue mich diesen Sommer auf eine spannende und kreative Marketingschlacht zwischen den Kopfbahnhofbefürwortern und den Bahnhofsgegnern.

Und vor allem eins erwarte ich: Die neue Kampagne muß unbedingt besser werden, als dieser unsägliche Zeichentrickfilm, der neulich auf die Öffentlichkeit losgelassen wurde und dessen Aussage uns bis heute ein Rätsel bleibt. Sollte die neue Kampagne auf ähnlich unterirdischem Niveau sein wie jenes Machwerk, sollten die Erfinder von Stuttgart 21 vielleicht doch darüber nachdenken, mal was ganz anderes zu machen. Nach Berlin gehen wäre z.B. eine Option.

Wessen Herren Knechte seid Ihr?

Am vergangenen Dienstag war es also endlich soweit: Das ZDF erzielte ab 21 Uhr 80 % Einschaltquote – in Stuttgart. Zu sehen war das seit dem Flug des Rammbocks heiß ersehnte Stück “Milliardenloch im Schwabenland” bei Frontal 21.

Journalistisch war dieses Reportägle ähnlich defizitiär wie Kalkulation und Legitimation des behandelten “Superbahnhofs”. Die Gegner durften ausgiebig und unhinterfragt ihre Ansichten kundtun, die Verantwortlichen wurden mit einem Bericht des Bundesrechnungshofes konfrontiert – und durften dabei eine schlechte Figur machen (was allerdings nicht allein an der Recherche liegt…). Die Aussage des Berichts ließ wenig Interpretationsspielraum (was allerdings auch nicht allein an der Recherche liegt…).

Die Antwort der kommunikationsstarken Bahn ließ nicht lange auf sich warten. Gewohnt unsouverän und beleidigt. Und prompt ist das Arsenal der Totschlagphrasen mit denen die Bürger zur Freude über das großzügige Geschenk Stuttgart 21 geprügelt werden sollen um eine Waffe reicher: Nach so trennscharfen Begriffen wie “Fortschritt” und “Zukunft” leistete die STZ Schützenhilfe, griff ganz tief in die Mottenkiste und packte die “Verschwörungstheorie” aus. Jene Wunderwaffe, mit der all jenen, auf die sie gerichtet wird, mehr als nur ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen werden soll. Wem unterstellt wird, seine Argumentationskette sei nichts weiter als eine “Verschwörungstheorie”, dem wird eigentlich nahegelegt, sich umgehend in eine Geistesheilanstalt einliefern zu lassen.

Was war in der Reportage passiert? SÖS-Gemeinderat Gangolf Stocker durfte – im faktisch stärksten Teil des Berichts – das “Netzwerk der Profiteure” vorstellen: den Kommunikationsbeirat für Stuttgart 21. Hier sollen ergraute Ehrenmänner – offenbar allein schon durch ihre Teilnahme, denn inhaltliches ist von dort nicht zu vernehmen – Seriosität und Erfolg des Projekts unterstreichen. Eine Schnittstelle aus Bahn, Wirtschaft und Politik. In diesem Gremium versammeln sich neben Botschafter Drexler und Projektleiter Hany Azer unter anderem auch Ex-Landesvater Öttinger, Ex-Landesvater Späth und Immobilien-Millionär Rudi Häussler. (Vorstellung der Charaktere s.u.)

Verschwörungstheorie!? Die heitere Runde der Experten soll “bereits im Vorfeld alle wichtigen Entscheidungen, Vorgehensweisen und Ausrichtungen zwischen den Projektpartnern und dem Botschafter” abstimmen. Die Zusammensetzung ist mit Bedacht erfolgt, keineswegs ist dieses Vetterlestreffen ein zufällig entstandener Wohltätigkeitsverein.

Zeit, sich an die Fakten zu halten. Das gilt zu allererst für die Bahn, die nachweislich (nur e i n Stichwort von vielen: Streichliste) eine kommunikative Salamitaktik fährt. Für Empörung ist da kein Platz, denn wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Wer Kommunikation mit den Bürgern mit platter Werbephrasendrescherei verwechselt, Fakten zurückhält, ganz verschweigt oder gar verdreht, sollte sich nicht wundern und schon gar nicht darüber aufregen, wenn die andere Seite auch mal auf selektive Darstellung umschaltet. Und bei einem Projekt, bei dem personelle Verflechtungen und Beweggründe im Halbdunkel verschwimmen, ganz gezielt die unterschwellige wie berechtigte Frage in den Raum wirft, die die Bürger schon länger umtreibt: Wessen Herren Knechte seid Ihr eigentlich?

Kommunikationsbeirat, die Darsteller (selektive Wahrnehmung):

Wolfgang Drexler: Von OB Schuster (CDU) in einem genialen Schachzug zum Chefkommunikator überredeter SPD-Mann – wenn’s wo kleben bleibt, dann an den Sozis! Die vermeintliche Friedenstaube ist aber rasant zur armen Sau mutiert, die von ihren orientierungslosen Haltern durchs Dorf getrieben wird. Soll wenn möglich ein Nesenbachtal der Ahnungslosen hinterlassen. Hat nach eigenen Angaben inzwischen einen schlechten Schlaf. Ob da ein Bahnhofsgroßes Lügengebäude auf der Seele lastet?

Günter Öttinger – Nebenrolle: Der ungeliebte Landespapa heftete neulich seinem Vetter Rudi Häussler das Große Bundesverdienstkreuz an und wurde dann nach Brüssel weggelobt.

Rudi Häussler: Immobilien-Mogul, Self-Made Man – vom Büroklammerbieger zum Büroliegenschaftsmillionär. Ist als “größter europäischer Komplettanbieter für Bürogebäude” immer dort, wo Brachflächen zu brach liegenden Büroflächen mutieren sollen. Das Große Bundesverdienstkreuz erhielt er für sein soziales, kulturelles, künstlerisches und wissenschaftliches Engagement – ein echter Held der sozialen Marktwirtschaft.

Rüdiger Grube: Bahnchef und 1999 geschäftsführender Gesellschafter bei Rudi Häussler. Natürlich besteht da keinerlei Zusammenhang. Geschäft ist Geschäft – Schnaps ist Schnaps!

Lothar Späth: Die graue Eminenz. Nach der Segeltörn-Affäre ging der beliebte Landesvater aus dem Amt und folgte dem Lockruf des Geldes. Inzwischen ist er bei den schwäbischen Tiefbohr- und Tunnelbohranlagenspezialisten von Herrenknecht gelandet. Dass er als Aufsichtsratschef dieses Unternehmens ausschließlich das Gemeinwohl im Sinne hat, wird auch durch die 70.000-Euro-Spende von Herrenknecht an seine gute alte Landes-CDU deutlich.

Hany Azer: Der General des Grubes. Nur dem Eid auf den Größten Bahnchef aller Zeiten verpflichtet – auf keinen Fall seinem Gewissen. So richtig in Fahrt kommt der schneidige “Vollstrecker” erst, wenn um ihn herum Millionen Euro ins Grab gehen.